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DIE ZEIT Nr. 13 vom 23. März 2017

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Blackrocks Hildebrand warnt vor Zurückdrehen der Agenda 2010

Blackrocks Hildebrand warnt vor Zurückdrehen der Agenda 2010

Philipp Hildebrand, früher Präsident der Schweizer Notenbank und heute Mitglied der Konzernspitze beim weltweit größten Investor Blackrock, warnt im Gespräch mit der Wochenzeitung DIE ZEIT vor einer Rücknahme der Agenda 2010. "Wer auch immer die Bundestagswahl gewinnt: Wichtig ist, dass Deutschland ein verlässlicher Anker bleibt, in Europa vorangeht und nicht anfängt, wichtige Reformen zurückzunehmen", sagt Hildebrand, angesprochen auf die Pläne des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Zugleich lobt er Angela Merkel (CDU) als "Konstante", die über eine "enorme Glaubwürdigkeit" verfüge. "Es ist nicht einfach, sich die Welt ohne sie vorzustellen, auch für Anleger nicht", sagt Hildebrand über die Bundeskanzlerin. "Sie steht für eine große Verlässlichkeit, und das ist für Finanzmärkte sehr, sehr wichtig."

Sorgen vor weiteren Erfolgen populistischer Parteien in Europa seien übertrieben. "Sie wird die Wahl nicht gewinnen", so Hildebrand über Marine Le Pen, die rechtsnationale Präsidentschaftskandidatin in Frankreich. "Europa hat – was die Verteilung der wirtschaftlichen Gewinne angeht – ein viel besseres Modell als die USA", erklärt Hildebrand, "deshalb glauben wir bei Blackrock, dass das politische Zentrum in Europa hält." Der Kontinent habe einen eigenen Ansatz entwickelt, der verhindere, dass ganze Gruppen aus der Gesellschaft fielen und sich ein großer Graben zwischen den Eliten und dem Rest der Bevölkerung auftue. "Die Idee des sozialen Zusammenhalts gehört zum Kern des europäischen Modells", sagt Hildebrand und fordert mehr Selbstbewusstsein: "Ich finde, wir Europäer könnten auf der Weltbühne ruhig etwas mutiger auftreten und sagen, dass wir an diese Werte glauben." Dies sei "unsere moralische Pflicht".

Blackrock verwaltet aktuell mehr als fünf Billionen Dollar.

Blackrocks Hildebrand hält Deutsche Bank für „sehr komplex“

Blackrocks Hildebrand hält Deutsche Bank für "sehr komplex"

Philipp Hildebrand vom weltweit größten Investor Blackrock zeigt sich im Gespräch mit der Wochenzeitung DIE ZEIT skeptisch, ob die geplanten Veränderungen bei der Deutschen Bank ausreichen. "Es ist sehr zu begrüßen, dass das Haus inzwischen erkannt hat, dass es mehr Kapital braucht", sagt Hildebrand über die gerade laufende Kapitalerhöhung des Instituts im Volumen von acht Milliarden Euro. "Sein Geschäftsmodell ist aber nach wie vor sehr komplex." Im Kontrast dazu lobte er die jüngsten Entscheidungen der italienischen Großbank Unicredit als "ein Beispiel, das mir Hoffnung macht, weil die Bank nicht nur entschieden ihr Kapital erhöht, sondern parallel auch ihr Geschäftsmodell radikal ändert. Diese zwei Dinge gehören zusammen."

Hildebrand ist Mitglied der Konzernspitze bei Blackrock. Das Investmenthaus verwaltet aktuell mehr als fünf Billionen Dollar und gehört mit einem Anteil von rund sechs Prozent zu den größten Aktionären der Deutschen Bank.

Hildebrand, der während der Finanzkrise als Präsident der Schweizer Notenbank für eine harte Regulierung geworben hatte, kritisiert, dass Europas Banken nach zehn Jahren Krise immer noch ein Problem seien. "Ohne stabile Banken wird Europas Wirtschaft nicht wachsen", sagt der Schweizer. "Trotzdem hat Europa viel zu wenig getan, um die Banken mit frischem Kapital zu stärken – das gilt auch für Deutschland."

Saudischem Blogger Badawi droht Haftverlängerung

Saudischem Blogger Badawi droht Haftverlängerung

Dem saudischen Blogger Raif Badawi droht eine Verlängerung seiner Haft, wenn er seine Geldstrafe von einer Million Saudischer Riyal, umgerechnet inzwischen knapp 250 000 Euro, nicht zahlen kann: "Ein Gefängnismitarbeiter sagte ihm, dass sein Arrest ausgeweitet werden könnte, sollte er den Betrag nicht aufbringen können", erzählt eine Vertraute der Familie im Gespräch mit der ZEIT.

Badawi sitzt seit knapp fünf Jahren in Haft. Ein Gericht in Saudi-Arabien hatte ihn wegen "Beleidigung des Islams" unter anderem zu zehn Jahren Gefängnis, 1000 Peitschenhieben und der Geldstrafe verurteilt. Als er im Januar 2015 die ersten 50 Schläge bekam, filmte jemand die Folter heimlich mit. So erfuhren Menschen überall auf der Welt von seinem Schicksal. Nach internationalen Protesten wurde die Prügelstrafe ausgesetzt, offiziell wegen Badawis schlechter Gesundheit.

Badawi dürfe inzwischen Bücher lesen, berichtet seine Familie der ZEIT. Seine Frau Ensaf Haidar, die mit den gemeinsamen Kindern in Kanada Asyl gefunden hat, kann mit ihm telefonieren, auch wenn die Telefonate mitunter kurz seien und unterbrochen werden. "Seit der Ankündigung des Gefängnismitarbeiters, dass seine Haft womöglich verlängert wird, hat er keine Hoffnung mehr, früher entlassen zu werden", heißt es aus der Familie.

Bremer Kita-Senatorin Bogedan: Verständnisproblem bei Elternbrief aus der eigenen Behörde

Bremer Kita-Senatorin Bogedan: Verständnisproblem bei Elternbrief aus der eigenen Behörde

Die für Kindertagesstätten zuständige Bremer Senatorin Claudia Bogedan (SPD) und Mutter zweier Kinder hatte Probleme, den an Eltern gerichteten Brief ihrer Behörde zu verstehen: "Als ich neulich das Schreiben las, mit dem mein Sohn wie alle Kinder ein Jahr vor der Einschulung zum Sprachtest geladen wurde, dachte ich: Hä, was muss ich jetzt machen?", gibt Bogedan in einem Interview mit der ZEIT zu. Daraufhin habe sie das Schreiben ändern lassen. "Nächstes Jahr wird es so nicht noch mal verschickt", so die Senatorin.

Bogedan hatte erst nach wochenlanger Suche einen Kita-Platz für ihre Tochter erhalten – "sogar unsere Wunsch-Kita", berichtet sie. Sie habe ihre Position als Senatorin dabei nicht eingesetzt: "Da habe ich eine ganz klare Ansage gemacht, ich wollte auf keinen Fall einen Vorteil haben. Das habe ich meinen Mitarbeitern unmissverständlich klargemacht."

Bogedan, die im vergangenen Jahr Präsidentin der Kultusministerkonferenz war, kritisiert die Schulpolitik in Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland, in dem sie früher gelebt hatte und in dem in naher Zukunft Landtagswahlen stattfinden: "Ich habe vorher in NRW gelebt – wenn ich sehe, wie schwer sich viele dort mit Vielfalt und Inklusion tun, bin ich froh, dass meine Kinder hier zur Schule gehen werden" sagt sie in Bezug auf ihr Bundesland Bremen. "Ich kenne in Bremen viele großartige Schulen."

Lehrerbefragung: Fortbildungen oft nicht effektiv

Lehrerbefragung: Fortbildungen oft nicht effektiv

Lehrer-Fortbildungen werden genutzt, sind aber oft nicht sonderlich effektiv. Das zeigt eine repräsentative Befragung von 500 Mint-Lehrkräften (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), die der Wochenzeitung DIE ZEIT vorliegt. Durchgeführt hat diese das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Deutschen Telekom Stiftung. "Lehrkräfte kümmern sich heute sehr viel mehr um ihre berufliche Weiterbildung als noch vor einigen Jahren", sagt Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Telekom Stiftung. "Oft aber leider wenig effektiv: einmalige Impulse, allein und fern der eigenen Schule." Stattdessen sollte die professionelle Entwicklung als fester Bestandteil des Berufsalltags gesehen werden: im Team mit Kollegen, regelmäßig und nah am Unterrichtsalltag.

Zwei Drittel der befragten Lehrkräfte gaben an, in den letzten sechs Monaten eine Fortbildung absolviert zu haben, knapp ein weiteres Fünftel innerhalb des letzten Jahres. Beachtlich ist auch die Menge der besuchten Fortbildungen: Ein Viertel hat in den letzten zwei Jahren an sechs bis zehn Fortbildungen teilgenommen, knapp die Hälfte an drei bis fünf, zehn Prozent sogar an mehr als zehn.

Dennoch: Nur knapp ein Viertel der befragten Lehrkräfte konnte die Inhalte der letzten Fortbildung umfassend im Unterricht anwenden. Die geringe Effektivität der Fortbildungen basiert laut der Befragung auf zwei Ursachen: Sie sind zu kurz, und viele Lehrer besuchen sie alleine, statt mit dem Kollegium.

Die Befragung fand im Februar 2017 statt.

Pfarrer erhebt Vorwürfe gegen die Justiz

Pfarrer erhebt Vorwürfe gegen die Justiz

Der katholische Pfarrer Michael Hammerschmidt ist verärgert darüber, dass seine 74-jährige Stalkerin nicht in Haft muss. "An meinem Fall sieht man, was mit der Gesellschaft und Justiz falsch läuft", so der Pfarrer aus Meschede-Freienohl gegenüber der ZEIT-Beilage Christ & Welt. "Ich komme nicht zur Ruhe, habe nur noch Magenschmerzen."

Die Frau belästige ihn seit 16 Jahren täglich mit Anrufen, tanze in Reizwäsche vor seinem Haus, rufe ihm auf offener Straße Obszönitäten zu, so Hammerschmidt. Trotz des Kontaktverbots müsse sie nicht ins Gefängnis. Der Grund: Das Oberlandesgericht Hamm hat unlängst ein Urteil des Amtsgerichts Meschede aufgehoben, das eine viermonatige Ordnungshaft verhängt hatte. Die Frau sei unzurechnungsfähig, teilte das Oberlandesgericht Hamm zur Begründung mit.

"Wegen so etwas verlieren die Menschen das Vertrauen in die Justiz", so Hammerschmidt gegenüber Christ & Welt. "Das ist ein Freifahrtschein für die Stalkerin. Sie darf mich kaputt machen, kann aber nicht belangt werden. Ich bezweifle, dass die Frau unzurechnungsfähig ist. Ich wünsche dem Gutachter, dass er selbst ein paar Jahre von der Frau terrorisiert wird."

DIE ZEIT: Günter Lubitz glaubt nicht an Schuld seines Sohnes Andreas bei Germanwings-Absturz / Gutachter hält „These eines vorsätzlichen Massenmordes“ für „nicht haltbar“

DIE ZEIT: Günter Lubitz glaubt nicht an Schuld seines Sohnes Andreas bei Germanwings-Absturz / Gutachter hält "These eines vorsätzlichen Massenmordes" für "nicht haltbar"

Günter Lubitz, der Vater des in den französischen Alpen gestorbenen Piloten Andreas Lubitz, hat massive Kritik an den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zur Absturzursache des Germanwings-Flugs 4U9525 geübt. "Es gab ganz offensichtlich Dinge, die man gar nicht erst ermittelt hat, vielleicht weil man sie nicht ermitteln wollte", sagt Lubitz in einem Gespräch mit der Wochenzeitung DIE ZEIT. Andreas Lubitz hatte eine Germanwings-Maschine gesteuert, die im März 2015 in den Alpen zerschellt war. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hatte der Pilot die Maschine vorsätzlich abstürzen lassen und damit sich selbst und 149 Menschen getötet.

Es gebe "keinen einzigen wirklich stichhaltigen und belastbaren Beleg", dass Andreas Lubitz sich und die Passagiere der Germanwings-Maschine "vorsätzlich und geplant" in den Tod geflogen habe, behauptet nun sein Vater Günter Lubitz. "Unser Sohn war ein sehr verantwortungsvoller Mensch. Er hatte keinen Anlass, einen Selbstmord zu planen und umzusetzen, und erst recht nicht, dabei noch 149 andere unschuldige Menschen  mitzunehmen. Ein solches Verhalten passt einfach nicht zu ihm und seiner Persönlichkeit." Andreas Lubitz sei "nicht der Mensch gewesen, den die Boulevardpresse aus ihm gemacht hat". Der Vater des verstorbenen Piloten stützt sich dabei auf ein Gutachten des Fachjournalisten und Luftfahrtexperten Tim van Beveren, der die 16 000 Seiten umfassenden Ermittlungsakten der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft und der "Sonderkommission Alpen" ausgewertet habe. Als Ergebnis behauptet van Beveren: "Die These eines vorsätzlichen Massenmordes ist nicht haltbar."

An diesem Freitag, dem zweiten Jahrestag des Absturzes, will Günter Lubitz zusammen mit van Beveren die Ergebnisse des Gutachtens in Berlin vorstellen. Die Ankündigung der Pressekonferenz hatte zu massiven Unmutsbekundungen von Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes geführt.

Deutsche glauben wieder an Europa

Deutsche glauben wieder an Europa

Pünktlich zum Jubiläumsgipfel steigt das Ansehen der EU in Deutschland. Das geht aus einer noch unveröffentlichten Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung im Auftrag des Bankenverbands hervor, die der ZEIT vorliegt. Demnach halten 61 Prozent der Bundesbürger viel oder sehr viel von der Union. Das sind fünf Prozentpunkte mehr als vor drei Jahren und sogar zehn Prozentpunkte mehr als vor neun Jahren. 63 Prozent glauben, dass der Euro sich bewährt hat.

Für die Umfrage wurden im Februar diesen Jahres 984 erwachsene Bundesbürger befragt. Am 25. März feiern die Staats- und Regierungschefs der EU in Rom den 60. Jahrestag der Unterzeichnung der römischen Verträge, die die Grundlage für die heutige Union schufen.

Martin Walser: Merkels Satz „Wir schaffen das“ ist „große Politik“

Martin Walser: Merkels Satz "Wir schaffen das" ist "große Politik"

Im Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT zu seinem 90. Geburtstag räumt der Schriftsteller Martin Walser ein: "Es tut mir leid, ich bin bis heute nicht erwachsen." Im Vergleich zu Gleichaltrigen habe er sich "immer als zu wenig männlich, zu wenig erwachsen gefühlt."

Der 1927 geborene Walser, Autor einiger der wichtigsten Romane der Nachkriegszeit, war Mitglied der Gruppe 47, engagierte sich in den sechziger Jahren gegen den Vietnamkrieg und geriet 1998 in die Kritik, als er mit seiner Rede zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels gegen die "Instrumentalisierung des Holocaust" eintrat. Er sei damals missverstanden worden, sagt Walser heute, vor allem weil seine Kritiker seine früheren Aufsätze und Romane nicht zur Kenntnis genommen hätten. Allerdings schränkt Walser ein: "Auschwitz ist ein so grauenhafter Vorgang, dass es vielleicht schon falsch war, über dessen Wirkung eine Rede zu halten, noch dazu eine Sonntagsrede."

Nach seiner politischen Haltung gefragt, erklärt Martin Walser: "Was soll ich jetzt, nach alldem, zu Rechts und Links sagen? Die Zeitgeschichte schiebt mich von da nach da, ohne dass ich das Gefühl habe, mich verändert zu haben."

Zu seinem persönlichen Highlight der Politik der Gegenwart erklärt Martin Walser indes Angela Merkels Satz "Wir schaffen das", er sei "große Politik". "Dazu muss man imstande sein", schwärmt Walser und ergänzt: "Und dann wird tatsächlich monatelang über so ein Wort wie ‚Obergrenze‘ diskutiert – wie unbedeutend ist das im Vergleich zu dieser großartigen Aussage ‚Wir schaffen das‘!"

Ann-Kathrin Kramer war Mitglied einer Jungs-Gang

Ann-Kathrin Kramer, 50, Schauspielerin, hatte als Schülerin keine Lust auf die Mädchenrolle: Sie habe gemerkt, "dass Jungs und Mädchen mit zweierlei Maß gemessen werden", sagt Kramer im ZEITmagazin. Sie habe lieber mit Jungs gespielt und eher Lust auf Mutproben gehabt als auf Häkeln. Mit ihrem Verhalten in der Schule - "Ich saß hinten und habe mit irgendwas geworfen oder mich auch mal geprügelt" - sei sie oft angeeckt: "Dabei habe ich immer gemerkt, dass die Akzeptanz für dieses Verhalten für mich als Mädchen geringer war", so Kramer. "Das fand ich sehr ungerecht, es hat mir ganz tief widerstrebt." Eine Erfahrung, die sie lange prägte: "Es hat bei mir als junger Frau dazu geführt, dass in mir eine Art Kampfeslust aufkam, wenn ich gemerkt habe, okay, hier geht es nicht um die Sache an sich, sondern darum, ob man ein Mann ist oder eine Frau."

Marina Abramović bereitet sich aufs Sterben ohne Angst und Wut vor

Marina Abramović bereitet sich aufs Sterben ohne Angst und Wut vor

Die Künstlerin Marina Abramović will ihr Älterwerden und ihr Sterben bewusst erleben: "Jetzt, mit 70, beginnt für mich eine neue Lebensphase", so Abramović im ZEITmagazin. Sie wolle in dieser Phase lernen, "wieder neugierig wie ein Kind zu sein und demütig und mit Humor auf die Welt zu blicken. Sanft und fürsorglich zu mir und meinem Körper zu sein." Ihr großer Traum sei es, "ohne Angst und bei klarem Bewusstsein zu sterben. Und ohne Wut. Darauf bereite ich mich vor."

Mitarbeiter belasten Daimler bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart – Kalifornische Umweltbehörde zweifelt an Diesel-Verteidigung deutscher Hersteller

Mitarbeiter belasten Daimler bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart – Kalifornische Umweltbehörde zweifelt an Diesel-Verteidigung deutscher Hersteller

In der Wochenzeitung DIE ZEIT zweifeln Mitarbeiter aus der Forschung und Entwicklung, Betriebsratsmitglieder und Experten Daimlers Verteidigungslinie in der Abgasaffäre an. So meint ein Zeuge aus der Entwicklungsabteilung gegenüber der Staatsanwaltschaft Stuttgart, dass es auch bei Dieselfahrzeugen der Daimler AG gesetzeswidrige technische Manipulationen geben könne.

Daimler dementiert entschieden und verweist auf einen Bericht des Kraftfahrtbundesamtes, wonach im Rahmen der Messungen bei den Fahrzeugen "kein Verstoß gegen geltende Rechtsvorschriften festgestellt" wurde.

Gegenüber der ZEIT äußern sich zudem aktuelle und ehemalige Mitarbeiter und Führungskräfte von Daimler kritisch. Es sei fraglich, ob bereits alles darüber bekannt ist, wie Daimler versuchte, offizielle Dieselabgastests zu bestehen. Eine streng hierarchische Kultur, die keine Fragen duldet und keinen Widerspruch zulässt – "das sagt man alles über VW", sagt ein Projektmanager bei Daimler, "hier ist es genauso."

Auch die Leiterin der kalifornischen Umweltbehörde Carb, Mary Nichols, hegt Zweifel gegen zentrale Argumente deutscher Hersteller in der Dieselaffäre. Mehrere Autohersteller, darunter auch Daimler, hatten erhöhte Stickoxidwerte von Dieselfahrzeugen damit begründet, dass bei niedrigen Umgebungstemperaturen die Abgasreinigung heruntergefahren werde, um den Motor zu schützen. "Das klingt für mich nicht plausibel", sagt Nichols der ZEIT.

Nichols‘ Äußerung wirft ein neues Licht auf laufende Untersuchungen der amerikanischen Behörden im Zusammenhang mit Diesel-Emissionen von Mercedes-Fahrzeugen. Die amerikanischen Umweltbehörden Carb und EPA kooperieren in der Abgasaffäre mit dem Justizministerium und ermitteln auch gegen Daimler. Bislang gab es öffentlich keine Hinweise, wie möglicherweise gewonnene Erkenntnisse in den USA bewertet werden.

Mary Nichols gilt als eine der Schlüsselfiguren in der Aufklärung der Abgasmanipulationen bei VW. In der ZEIT kritisiert sie außerdem den Umgang der deutschen Behörden mit der Abgasaffäre. "In Deutschland gibt es eine geringere Bereitschaft, einen Verstoß zu verfolgen", sagt Nichols. "In einem Land, in dem ein so großer Teil der Wirtschaft von der Autoindustrie abhängt, ist die Schwelle viel höher, irgendetwas zu unternehmen, das diese Industrie Geld kosten oder ihr in irgendeiner Weise schaden könnte."