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Aktuelle Vorabmeldungen

DIE ZEIT Nr. 21 vom 17. Mai 2018

1.   Bienenkundler: Kein Bienensterben in Deutschland

2.   Neo Rauch hasst seine schwierige Persönlichkeit

3.   Sängerin Rita Ora half spontan nach dem Brand im Londoner Grenfell Tower

4.   Verstoßener Priester kritisiert Kardinal Marx

5.   Dresdner Kulturbürgermeisterin verteidigt Uwe Tellkamps Recht zu reden

6.   Generalintendant des Humboldt Forums verfolgt neues Konzept

7.   Falsche Zahl zur Gewalt gegen Ärzte

8.   Ankerzentren: Bundesländer verweigern Seehofer die Unterstützung

9.   Ministerin Klöckner warnt vor unkritischem Rückbezug auf Christentum

10. Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Drohbriefen an linke Szene

11. BND beschaffte "Nowitschok" mit Geheimoperation aus russischem Labor

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Bienenkundler: Kein Bienensterben in Deutschland

Führende deutsche Bienenforscher bestreiten die von Imkern verbreitete Behauptung, es gebe in Deutschland ein "Bienensterben". "Die Honigbiene wird das letzte Insekt sein, das ausstirbt", sagt Peter Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim, dem ZEITmagazin. "Sie ist nicht bedroht, solange es Imker gibt."

Zwar verenden im Winter immer wieder Bienenvölker an den Folgen des Befalls mit der Varroamilbe, mit der die meisten Völker infiziert sind. Dass diese Verluste in den letzten Jahren zugenommen hätten, ist nach Daten des Fachzentrums Bienen und Imkerei in Mayen jedoch "statistisch nicht gesichert".

Selbst bei Wildbienen, von denen die Hälfte der Arten auf der Roten Liste stehen, sei die Situation nicht so dramatisch, dass man von einem "Bienensterben" sprechen könne, sagt der Wildbienenforscher Robert Paxton von der Universität Halle. Paxton rechnet allerdings damit, dass in den nächsten 25 Jahren ein Drittel der knapp 600 Wildbienenarten in Deutschland aussterben – "wenn wir die ständige Intensivierung der Landnutzung nicht ändern".

Neo Rauch hasst seine schwierige Persönlichkeit

Neo Rauch hasst seine schwierige Persönlichkeit

Der Maler Neo Rauch, 58, hasst seine chaotische Persönlichkeit. "Eigentlich bin ich ein vollkommen chaotisches Naturell ohne nennenswerte innere Struktur. Deshalb muss ich mir manchmal selbst Gewalt antun in Gestalt eines inneren Befehls und innerer Zurichtung, um das auszubalancieren", sagt er dem ZEITmagazin.

Rauch, der in der DDR drei Jahre in der NVA diente, sagt: "Ich hasse mich, wenn ich dem Zustand einer gewissen Erschlafftheit unterliege, dann versuche ich sofort Haltung anzunehmen. Es ist wichtig, dass man seinem Gegenüber aufrecht entgegentritt. Und es hat etwas damit zu tun, dass ich mir von niemandem mehr ein Kommando erteilen lassen will, das auf meine Sicht- und Denkweise abzielt. Und diese Disziplin strukturiert immer noch meinen Tagesablauf."

Sängerin Rita Ora half spontan nach dem Brand im Londoner Grenfell Tower

Sängerin Rita Ora half spontan nach dem Brand im Londoner Grenfell Tower

Die Popsängerin Rita Ora hat im vergangenen Sommer spontan nach dem Brand im Londoner Grenfell Tower geholfen. Kurz nachdem sie von dem Brand erfahren habe, sei sie dorthin gefahren, sagt die 27-Jährige dem ZEITmagazin. Die ersten Bilder von dem brennenden Gebäude habe sie nach einer Landung am Flughafen Heathrow auf ihrem Handy gesehen: "Ich war geschockt – auch deswegen, weil ich ganz in der Nähe des Grenfell Tower aufgewachsen bin. Ich rief sofort meine große Schwester an und ließ mir von ihr erklären, was da gerade passierte", sagt sie. "Dann habe ich sie zu meiner Wohnung geschickt: Sie hat dort meine Kleiderschränke leer geräumt und ist mit einigen vollgepackten Taschen zum Unglücksort gekommen."

Sie selbst sei direkt vom Flughafen dorthin gefahren. Ora: "Zu zweit haben wir dann meine Sachen an alle verteilt, die ihr Hab und Gut in den Flammen verloren hatten. Das war schließlich mein altes Viertel, und ich wollte helfen!" Einige ihrer früheren Nachbarn hätten sie noch erkannt. Ora: "Ich komme da zwar nicht mehr so oft vorbei, aber die Nähe zu den Menschen dort spüre ich immer noch." Ein Teil von ihr sei "immer dort geblieben".

Bei dem Brand im Londoner Grenfell Tower am 14. Juni 2017 starben 71 Menschen.

Verstoßener Priester kritisiert Kardinal Marx

Verstoßener Priester kritisiert Kardinal Marx

Der katholische Priester Gotthold Hasenhüttl greift in der Wochenzeitung DIE ZEIT die Katholische Kirche und den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz scharf an: "Die Repräsentanten der heiligen katholischen Kirche glauben wirklich, dass sie über alles bestimmen dürfen. Doch ich glaube, Herrschaft über Menschen ist immer unheilig." Seine "Skepsis der Institution gegenüber" sei "heute größer denn je". Der heutige Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx hatte Hasenhüttl vor 15 Jahren als Priester suspendiert und ihm die Lehrerlaubnis für katholische Theologie entzogen. "Inzwischen macht sich Marx genau dafür stark, wofür er mich einst maßregelte: Eucharistie für Protestanten", kritisiert Hasenhüttl, der bereits im Jahr 2003 die Protestanten zur katholischen Eucharistie eingeladen hatte. Er schreibt: "Das war Ungehorsam gegen die Lehre meiner Kirche, und später bescheinigte sie mir auch noch, ich würde Irrlehren verbreiten." Nun, da die angebliche Irrlehre offizieller Kurs wird, moniert Hasenhüttl: "So viel Macht macht mich wütend." Hasenhüttl trat 2010 aus Protest aus der katholischen Kirche aus.

Dresdner Kulturbürgermeisterin verteidigt Uwe Tellkamps Recht zu reden

Dresdner Kulturbürgermeisterin verteidigt Uwe Tellkamps Recht zu reden

Die für Kultur zuständige zweite Bürgermeisterin von Dresden, Annekatrin Klepsch, 40, wirbt dafür, den Schriftsteller Uwe Tellkamp und dessen umstrittene Äußerungen nicht auszugrenzen. Die Linken-Politikerin fordert dazu auf, unterschiedliche Meinungen auszuhalten: "Vielleicht ist es einfach so, dass wir die Stadt sind, die zeigen muss, wie das geht", sagt sie dem ZEITmagazin.

Klepsch hatte die Debatte zwischen den Schriftstellern Uwe Tellkamp und Durs Grünbein über Flüchtlingspolitik und Meinungsfreiheit Anfang März im Dresdner Kulturpalast organisiert. "Diese Debatte war mir ein so wichtiges Anliegen", sagt Klepsch. "Wenn wir zu solchen Diskursen keinen Mut haben, müssen wir ja gar nicht mehr sprechen." Deshalb habe sie Tellkamps Recht zu reden verteidigt – was ihr Ärger in ihrer eigenen Partei eingebracht habe. "Hätte ich ihn privat getroffen, hätte ich ihm sicher deutlich meine Meinung gesagt", sagt Klepsch. "Aber in Dresden ist unsere Aufgabe eine andere: Uns geht es nicht darum, Menschen vorzuführen für ihre Meinung. Wir haben die gemeinsame Aufgabe, für Meinungsfreiheit zu kämpfen."

Für ihre Dialogbereitschaft und Offenheit wird Klepsch allerdings von rechts attackiert. Der Kulturwissenschaftler und Autor Frank Böckelmann, 76, sagt dem ZEITmagazin, solange man "die reale Gefahr einer schleichenden Islamisierung Deutschlands für Unsinn erklärt; solange man sagt, das sei alles Panikmache, und solange jeder, der sich wehrt, diffamiert wird – so lange muss der Riss vertieft werden". Von Politikern wie Annekatrin Klepsch, die Diskussionsrunde um Diskussionsrunde veranstalten, halte er "nichts", so Böckelmann. "Wenn es heißt, man wolle versöhnen, dann will man eigentlich missionieren", behauptet Böckelmann. "Wenn es heißt, man wolle reden, dann will man eigentlich zum Schweigen bringen. Wenn es heißt, man wolle diskutieren, dann will man in Wahrheit belehren."

Generalintendant des Humboldt Forums verfolgt neues Konzept

Generalintendant des Humboldt Forums verfolgt neues Konzept

Der neue Generalintendant des Humboldt Forums, Hartmut Dorgerloh, verfolgt ein neues Ausstellungskonzept. "Wir müssen aus der lokalen Positionierung der Sammlungen herauskommen und sagen: Wir haben nicht mehr die Deutungshoheit über unsere Sammlungen, denn sie gehören uns nicht, wir sind nur Treuhänder", so Dorgerloh mit Blick auf die Ethnologischen Sammlungen. "Wir können sie in verschiedenen Kooperationsformen präsentieren, wir können sie auch mal woanders zeigen."

Das Humboldt Forum habe, so Dorgerloh, trotz der Schlossfassade "mit dem preußischen Erbe nur bedingt etwas zu tun". Man dürfe den Besuchern nichts vormachen: "Wenn ihr ein richtiges Schloss sehen wollt, geht nach Sanssouci! Wenn ihr ein wiederaufgebautes Schloss sehen wollt, geht nach Charlottenburg!" Im Humboldt Forum werde es eher darum gehen, "zwei Trauergemeinschaften glücklich zu machen: die über den Palastverlust und die über den Schlossverlust Trauernden". Es würden deshalb Objekte sowohl aus der Geschichte des Schlosses als auch aus derjenigen des Palasts der Republik ausgestellt werden.

Als "Lücken" des bisherigen Ausstellungskonzepts bezeichnet es Dorgerloh, "dass die europäischen Kulturen bis jetzt nicht dabei sind". Man könne aber nicht "über eine Veränderung des eurozentrischen Blicks reden, aber Europa selbst bleibt ein weißer Fleck!" Deshalb gehöre auch das Museum Europäischer Kulturen in den Ausstellungsbereich.

Im Humboldt Forum solle den Besuchern einerseits die Bedeutsamkeit der Provenienzforschung vermittelt werden. Zugleich plädiert Dorgerloh aber dafür, dass diese "nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit Restitution" sein müsse. Restitution sei nur eine von verschiedenen Umgangsmöglichkeiten, man könne auch "teilen" und "Objekte wandern" lassen.

Falsche Zahl zur Gewalt gegen Ärzte

Falsche Zahl zur Gewalt gegen Ärzte

Die in der Öffentlichkeit verbreitete Zahl über Gewalt gegen Ärzte stimmt nicht. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der NAV-Virchow-Bund hatten zum Start des Ärztetags in der vergangenen Woche gemeldet, in deutschen Praxen komme es 288 Mal pro Arbeitstag zu körperlicher Gewalt gegen Mediziner und Mitarbeiter.

Diese Zahl hatten die beiden Vereinigungen aus den Daten des "Ärztemonitors", einer großen Umfrage unter Medizinern, hochgerechnet. Sie verwendeten dabei jedoch nach Recherchen der Wochenzeitung DIE ZEIT eine falsche Grundlage. Statt 17 Prozent der Befragten hatten nur 4,3 Prozent im vergangenen Jahr Gewalt erlebt. Mit der korrekten Basis ergibt sich eine Zahl von 73 Vorfällen pro Arbeitstag – also nur einem Viertel der 288 Fälle, die gemeldet wurden.

Die KBV und der NAV-Virchow-Bund hatten die Meldung mit der Forderung verbunden, Angriffe auf Ärzte verschärft zu bestrafen, so wie Attacken auf Polizisten ("Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte"). Für den "Ärztemonitor" lassen die Ärztevereinigungen alle zwei Jahre Mediziner befragen, in diesem Jahr rund 11.000. Bisher sind erst die Antworten von gut 7.500 Teilnehmern ausgewertet.

Ankerzentren: Bundesländer verweigern Seehofer die Unterstützung

Ankerzentren: Bundesländer verweigern Seehofer die Unterstützung

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kann beim für August geplanten Start der so genannten Ankerzentren offenbar nicht auf die Unterstützung mehrerer Bundesländer zählen. Auf Anfrage der Wochenzeitung DIE ZEIT bestätigt lediglich der Freistaat Sachsen, sich neben Bayern an der Pilotphase für die neuen Einreise- und Abschiebezentren beteiligen zu wollen. Das Bundesinnenministerium hatte zunächst angegeben, auch Nordrhein-Westfalen und Hessen seien bei dem Pilotprojekt dabei. "Die Information, dass sich Hessen beteiligt, ist falsch", sagt der Sprecher der hessischen Landesregierung der ZEIT. Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) hält sich ebenfalls zurück. Zwar hält die Landesregierung die Idee einer zentralen Aufnahme- und Abschiebeeinrichtung für richtig. Bislang sei aber völlig unklar, wie die Zentren aussehen sollen. "Grundsätzlich könnten die Ankerzentren dazu beitragen, die Verfahren zu beschleunigen", sagt Stamp. "Aber nur, wenn sie richtig gestaltet werden. Ich habe Horst Seehofer wiederholt aufgefordert, auf einem Migrationsgipfel von Bund, Ländern und Kommunen gemeinsam zu klären, wie die Einrichtungen aussehen sollen. Von der CSU kommen nur Stammtischparolen." Stamp glaubt, Seehofer, der zugleich Vorsitzender der CSU in Bayern ist, habe vor allem die dort bevorstehende Landtagswahl im Blick. "Es ist unverantwortlich, dass es der CSU offenbar nur um Wahlkampf, aber nicht um Lösungen in der Sache geht", so Stamp.

Auch andere CDU-geführte Länder verweigern Seehofer die Unterstützung: "Wir sind auf keinen Fall dabei", stellt der Regierungssprecher von Schleswig-Holstein klar. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sagt: "Wir werden uns an dem Pilotprojekt nicht beteiligen". Stahlknecht warnt, dass die Zentren falsche Erwartungen wecken könnten – wenn suggeriert werde, dass dadurch automatisch die Zahl der Abschiebungen steige. In Sachsen-Anhalt scheiterten 70 Prozent der Abschiebungen, weil die Herkunftsstaaten die Menschen nicht zurücknehmen wollen, so Stahlknecht. "Da liegt der viel größere Handlungsbedarf." Auch das Problem, dass abgelehnte Asylbewerber untertauchen, löse ein Ankerzentrum nur bedingt: "Das ist ja kein Gefängnis." Andere Bundesländer fürchten, dass die Integrationsanstrengungen der Städte und Gemeinden durch die Ankerzentren kaputtgemacht werden. "Hier wird eine große Zahl an Menschen für längere Zeit auf engem Raum zusammenleben müssen, von denen viele keine Perspektive mehr für sich sehen", sagt die Regierungssprecherin von Rheinland-Pfalz. "Wir sehen da erhebliches Konfliktpotenzial."

Ministerin Klöckner warnt vor unkritischem Rückbezug auf Christentum

Ministerin Klöckner warnt vor unkritischem Rückbezug auf Christentum

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) warnt vor einem unkritischen Rückbezug auf das Christentum. "Wir sollten nicht den christlichen Glauben wiederentdecken aus Angst vor einer angeblichen Islamisierung", sagt Julia Klöckner der Wochenzeitung DIE ZEIT. Sie spricht sich zugleich gegen eine Politisierung des Christentums aus: "Ich muss mich nicht plötzlich an christlichen Symbolen festhalten, weil andere etwas anderes glauben und dokumentieren. Glauben muss aus einem selbst heraus kommen und nicht in der Funktion der Abgrenzung." Zum Verhältnis von Religion und Staat erklärt die Bundesministerin: "Das aufgeklärte Christentum ist mit unserem Grundgesetz vereinbar. Fundamentalismus nicht. Viele Strömungen im Islam haben noch einen weiten Weg vor sich."Scharf kritisiert Klöckner die Religionskritiker: "Mich wundert die Zurückhaltung der linken Kirchenkritiker gegenüber dem fundamentalistischen Islam. Die katholische Kirche wurde als konservative Institution immer von progressiven Feministinnen kritisiert, sicher nicht zu Unrecht. Aber für patriarchale Strukturen im fundamentalistischen Islam haben sie volles Verständnis. Da wird mit zweierlei Maß gemessen."

Klöckner schlägt vor: "Wir müssen uns frei machen vom Absender einer Botschaft, denn die Aussage ist das, was zählt. Und wenn diese frauenfeindlich ist, dann muss sie kritisiert werden, egal, welcher kulturelle Hintergrund dahinter steckt."

Die Katholikin Klöckner rügt auch ihre eigene Kirche: "Bei manchen Kirchenvertretern wundert mich, dass sie sich mehr mit Tagespolitik wie Windkraft oder Gentechnik beschäftigen als mit der klassischen Seelsorge und der Frage, warum die Kirchen so leer sind." Sie fordert: "Wann dürfen gemischtkonfessionelle Paare nun endlich gemeinsam zum Tisch des Herrn, oder wiederverheiratet Geschiedene? Wann werden Frauen zu Diakoninnen geweiht?"

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Drohbriefen an linke Szene

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Drohbriefen an linke Szene

Die Staatsanwaltschaft Berlin hat Ermittlungen gegen Unbekannt aufgenommen, nachdem sensible Informationen, die mutmaßlich aus Datenbanken der Polizei stammen, in Drohbriefen gegen die linke Szene in der Hauptstadt aufgetaucht waren. Zugleich hat sich die Datenschutzbeauftragte eingeschaltet. Das berichtet die Wochenzeitung DIE ZEIT.

Im Dezember 2017 wurden sechs Briefe eines bisher unbekannten "Zentrums für politische Korrektheit", das offenbar bewusst ähnlich nach dem Zentrum für politische Schönheit benannt wurde, an Objekte der linken Szene versandt. Darin sind Informationen über 42 Personen ausgebreitet, verbunden mit der Drohung, diese an Rechtsextreme wie die Identitären oder die Autonomen Nationalisten weiterzugeben. Die genannten Personen sollten aufhören, Fotos von Polizisten im Internet zu veröffentlichen. In dem 9-seitigen Schreiben, das der ZEIT im Original vorliegt, werden Passfotos aus Melderegistern, Namen, Adressen, Spitznamen, aber auch persönliche Details wie beliebte Reiseziele und Krankheiten erwähnt.

"So einen Fall hatten wir noch nie, dass der dringende Verdacht bestand, dass sensible personenbezogene Daten von der Polizei in die Öffentlichkeit gelangt sein könnten, um für solche Zwecke missbraucht zu werden", sagt Maja Smoltczyk, Datenschutzbeauftragte des Landes Berlin. Auch ihre Behörde ermittelt parallel in dem Fall wegen Verstößen gegen das Berliner Datenschutzgesetz. Darum hatte Smoltczyk am 26. März 2018 Strafantrag gegen Unbekannt an den Polizeipräsidenten in Berlin gestellt.

BND beschaffte „Nowitschok“ mit Geheimoperation aus russischem Labor

BND beschaffte "Nowitschok" mit Geheimoperation aus russischem Labor

Die Erkenntnisse über eine einst in der Sowjetunion entwickelte Klasse von Kampfstoffen namens "Nowitschok" geht maßgeblich auf eine bis heute geheim gehaltene Operation des Bundesnachrichtendienstes (BND) zurück. Nach gemeinsamen Recherchen der Wochenzeitung DIE ZEIT mit dem Rechercheverbund von Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR, beschaffte ein Informant des Dienstes in den neunziger Jahren eine Probe des Stoffes. Auch die Bundeswehr war in den Vorgang eingeschaltet. Damals an der Entscheidung beteiligte Personen bestätigen den Vorgang, die Bundesregierung und der BND erklärten auf Anfrage zu "nachrichtendienstlichen Angelegenheiten grundsätzlich nur den geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestages" Auskunft zu geben. "Nowitschok" gilt als eine der tödlichsten je entwickelten C-Waffen, ihr Einsatz gegen den russischen Überläufer Sergej Skripal und seine Tochter im März diesen Jahres in Salisbury führte zu einer diplomatischen Krise zwischen Moskau und dem Westen.

Die damalige Operation, die nach Angaben von Beteiligten in der ersten Hälfte der neunziger Jahre begann, war innerhalb der Bundesregierung umstritten. Der BND führte bereits seit einiger Zeit einen russischen Wissenschaftler als Quelle, der angeboten hatte, das bis dahin sorgsam gehütete militärische Geheimnis einer neuen Klasse von chemischen Kampfstoffen gegen die Zusicherung eines sicheren Aufenthaltsstatus für sich und seine Familie zu verraten. Der spätere Überläufer bot sogar an, eine Probe nach Deutschland zu bringen. All dies führte zu komplizierten politischen und juristischen Diskussionen innerhalb der Bundesregierung. 1990 waren auf Druck von Bundeskanzler Helmut Kohl die in Westdeutschland gelagerten amerikanischen Chemiewaffen abtransportiert worden, die Vereinbarungen über eine weltweite Ächtung der Kampfgase waren weit vorangeschritten. Zudem hatte sich Deutschland bereits 1954 in den sogenannten Pariser Verträgen verpflichtet, keine Massenvernichtungswaffen herzustellen. "Wir wollten auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als würden wir uns selbst für solche Chemiewaffen interessieren", sagt eine mit den damaligen Diskussionen vertraute Person.

Mit Wissen von Kanzleramt und Bundesverteidigungsministerium wurde die Probe deshalb in einem Labor in Schweden analysiert, nur die Formel wurde an den BND und das Verteidigungsministerium übermittelt. Was aus der Probe wurde, ist unklar, die schwedische Regierung erklärte auf Anfrage, sie könne den Vorgang in der Kürze der Zeit nicht aufklären.

Auf Weisung von Kohl unterrichtete der BND einige seiner engsten Partner, darunter amerikanische und britische Geheimdienste. Später wurde eine Arbeitsgruppe aus sechs westlichen Geheimdiensten und dem BND eingesetzt, sie trug alle Erkenntnisse zu "Nowitschok" zusammen. In einigen NATO-Ländern soll es auch zu der Produktion von winzigen Mengen des Giftes gekommen sein, um eigene Schutzausrüstung, Messgeräte und mögliche Gegenmittel zu testen. Um das gute Verhältnis zum damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin nicht zu belasten, entschied sich die Bundesregierung, die Existenz von "Nowitschok" nicht öffentlich zu machen. Der letzte sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow hatte schon 1987 versichert, dass die Produktion von C-Waffen eingestellt werde.

In der Bundesregierung war man unsicher, ob der militärische Apparat ohne Wissen der politischen Führung weiter an der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen arbeitete. Im Auftrag Kohls sprach ein Emissär den Vorgang allerdings bei einem Treffen in Moskau an und erklärte, man wisse von den heimlich fortgesetzten Kampfstoff-Entwicklungen. Der Überläufer kam später auf Umwegen nach Deutschland und lebte zumindest zeitweilig unter dem Schutz der Bundeswehr. In der heutigen Bundesregierung laufen inzwischen Bemühungen, den damals unter höchster Geheimhaltung gelaufenen Vorgang zu rekonstruieren.