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Aktuelle Vorabmeldungen

DIE ZEIT Nr. 17 vom 19. April 2018

1.   Marie Bäumer war als Romy Schneider "nervlich am Limit"

2.   Johann Scheerer überwindet das Trauma der Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma

3.   Nicht gendergerechte Sprache: Rolf Zuckowski fürchtet um seine Lieder

4.   Pastor der St.-Pauli-Kirche in Hamburg wehrt sich gegen Angriffe

5.   Regisseur Roehler zur Thor-Kunkel-Verfilmung: Man hätte ihn nicht fallen lassen sollen

6.   Forscher Knoblich: Nervenzellen sprechen miteinander

7.   Wirtschaftshistoriker Kuczynski hofft auf linke Revolution

8.   2,7 Millionen erwachsene Muslime in Deutschland

9.   Sven Regener zum Echo-Skandal: "Ohne Bertelsmann würden Kollegah und Farid Bang bei Weitem nicht so viele Platten verkaufen"

10. Flüchtlingspolitik: EU unterstützt dubiose Staatschefs in Afrika

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Marie Bäumer war als Romy Schneider "nervlich am Limit"

Die Schauspielerin Marie Bäumer, 48, hat die Arbeit am Kinofilm "3 Tage in Quiberon" nur dank zweier Freundinnen überstanden, die sie an den Drehort begleiteten. "Ich habe noch nie so viel geweint – in der Rolle, aber auch danach", sagt Bäumer dem ZEITmagazin. "Ich war in einem sehr fragilen Zustand." Und weiter: "Nach einer Woche war ich nervlich am Limit."

In dem Film spielt Bäumer Romy Schneider, die sich in einer Lebenskrise befindet. Die Freundinnen hätten gar nichts weiter tun müssen. "Sie waren einfach nur da." Bäumer weiter: "Es war ein bisschen so, wie wenn man als Sechsjährige durch den kalten Park allein nach Hause läuft, und plötzlich taucht die Kinderfrau auf und nimmt einen in den Arm."

Johann Scheerer überwindet das Trauma der Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma

Johann Scheerer überwindet das Trauma der Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma

Der Hamburger Musikproduzent Johann Scheerer, 36, der gerade ein Buch über die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma im Jahr 1996 veröffentlichte, hat so zu neuem Umgang mit diesem traumatischen Erlebnis gefunden: Als er begonnen habe, das Buch zu schreiben, habe er "dieses traumatische Erlebnis entmystifizieren und besprechbar machen" wollen. Scheerer: "In den Jahren davor war das für mich nicht möglich gewesen, auch in der Familie haben wir lange geschwiegen."

Bis zur Veröffentlichung des Buches habe er oft "keine Kontrolle" über die eigene Geschichte gehabt. Scheerer: "Ich lernte jemanden kennen, und ein paar Tage später erzählte ihr oder ihm ein anderer, ich sei der Sohn von Jan Philipp Reemtsma. So etwas hat mich verletzt, Freundschaften sind darüber zerbrochen. Es war, als würde jemand etwas von ganz hinten aus meiner privaten Schublade hervorziehen und herumzeigen. Mir meine Selbstbestimmung zu nehmen erschien mir als zerstörerischer Akt." Jetzt mit Veröffentlichung seines Buches sei das "nicht mehr möglich".

Kürzlich habe er geträumt, jemand aus seiner Familie sei entführt worden, so Scheerer: "Ein grauenhafter Albtraum, solche Träume hatte ich schon lange nicht mehr." Sein Leben sei zwar schon seit Jahrzehnten "von der Frage bestimmt, wie viel Freiheit ich dem Sicherheitsbedürfnis zu opfern bereit bin". Aber, so Scheerer: "Ich lasse mein Leben nicht von der Angst bestimmen."

Nicht gendergerechte Sprache: Rolf Zuckowski fürchtet um seine Lieder

Nicht gendergerechte Sprache: Rolf Zuckowski fürchtet um seine Lieder

Der Liedermacher Rolf Zuckowski fürchtet, dass seine bei Kindern populären Lieder aus Kitas und Schulen verschwinden werden. "Ich bin jetzt siebzig Jahre alt und sorge mich um die Zukunft meiner Lieder", sagt Zuckowski im Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT. "An Schulen verändert sich die Sprache gerade stark: Man spricht vielerorts nur noch gegendert, sagt ‚Schülerinnen und Schüler‘, ‚Lehrerinnen und Lehrer‘. Man kann Kindern nur noch schwer erklären, warum Liedersprache anders klingt."

In Zuckowskis Geburtstagslied "Wie schön, dass du geboren bist!" heißt es "Alle deine Freunde freuen sich mit dir". Zuckowski sagt der ZEIT: "In den Schulen könnte man bald fragen: ‚Freunde? Sind da die Mädchen nicht drin?‘" Gerade seien Unterrichtsmaterialien zur "Die Vogelhochzeit" erschienen. Da stünden stets Sätze wie "Die Lehrkraft versammelt die Schülerinnen und Schüler vor der Tafel". Zuckowski weiter: "Ich kann meine Lieder nicht ändern in die Sprache, die man in der Schulszene nun benutzt". Manche seiner Verse könnten heute nicht mehr entstehen. "Ich würde eine Art Maulkorb spüren!"

Zuckowski ist mit 20 Millionen verkauften CDs einer der populärsten Kinderliedermacher Deutschlands.

Pastor der St.-Pauli-Kirche in Hamburg wehrt sich gegen Angriffe

Pastor der St.-Pauli-Kirche in Hamburg wehrt sich gegen Angriffe

Nach dem Doppelmord am Hamburger Jungfernstieg wehrt sich der Pastor der St.-Pauli-Kirche gegen Anfeindungen. "In den sozialen Medien wird dem Rassismus freier Lauf gelassen und die Kirche, die sich an die Seite der Geflüchteten stellt, beschimpft und bedroht", sagt Sieghard Wilm in den Hamburg-Seiten der ZEIT. "Da haben sich die Leute richtig zur Hetze verabredet."

Der mutmaßliche Täter Mourtala M. gehörte zur Gruppe der sogenannten Lampedusa-Flüchtlinge, die 2013 und 2014 auf dem Gelände der St.-Pauli-Kirche schliefen. M. erstach am vergangenen Donnerstag am S-Bahnsteig Jungfernstieg seine Ex-Freundin und die gemeinsame einjährige Tochter. "In den Medien heißt es, ich hätte dieser Person und den anderen Kirchenasyl gewährt", so Wilm gegenüber der ZEIT. "Das allein ist völlig falsch, das hatte nichts mit Kirchenasyl zu tun." Vielmehr habe es sich um humanitäre Nothilfe gehandelt. Die Kirche habe Nahrung, Unterkunft und medizinische Versorgung für die Flüchtlinge angeboten.

Regisseur Roehler zur Thor-Kunkel-Verfilmung: Man hätte ihn nicht fallen lassen sollen

Regisseur Roehler zur Thor-Kunkel-Verfilmung: Man hätte ihn nicht fallen lassen sollen

In der Affäre um die Verfilmung von Thor Kunkels Roman "Subs" äußern sich jetzt Kunkel selbst, der Regisseur Oskar Roehler und die Produzentin Jutta Müller von Molina-Film in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Seine Vorwürfe, die Filmemacher hätten ihn aus gesinnungspolitischen Gründen aus dem Projekt gedrängt, hatte Kunkel am 27. März auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht: "Die altlinke Produzentin (…) will meinen Namen aus der Promo zum Film raushalten", schrieb er. Kunkel vermutet die Gründe dafür in den Wahlkampfplakaten für die AfD, die er im vergangenen Jahr entwarf.

Jutta Müller sagt, sie verstehe nicht, "wie er darauf kommt: Sein Name und der Titel des Romans stehen groß auf den Filmplakaten." Zudem halte sie "Subs" selbst "für einen tollen Filmstoff". Tatsächlich heißt es auf der Webseite der Produktionsfirma und im Kleingedruckten auf den Werbeplakaten, "HERRliche Zeiten" sei ein Film "frei nach Motiven des Romans SUBS von Thor Kunkel". Romanautor und -titel finden sich zwar im Presseheft, jedoch weder auf der Webseite des Films, noch auf der Seite der zuständigen PR-Agentur.

Oskar Roehler nimmt Kunkel in Schutz. "Dass Thor Kunkel sich ausgegrenzt fühlt, kann ich schon verstehen", sagt er der ZEIT. "Seitdem er diese schlimme AfD-Wahlkampagne gemacht hat, wollte die Produktion nichts mehr mit ihm zu tun haben." Er selbst "hätte es anders gemacht". Und weiter: "Man hätte Kunkel nicht fallen lassen, sondern ihm die Hand geben sollen. Einen rechten Autor zu verfilmen, weil er einen kongenialen Stoff geschrieben hat, das beweist doch Mut und fällt ja auch dadurch auf, dass es sich vom langweiligen Mainstream endlich einmal unterscheidet."

Petra Müller, die Chefin der Filmförderung NRW, die den Film 2016 mit 800.000 Euro förderte, sagt: "Die Entscheidung der Jury fiel allerdings auf der Grundlage des eingereichten Drehbuchs. Hiermit, wie mit der kreativen Aufstellung (Regie, Schauspiel etc.) hat sich die Jury zuvor intensiv beschäftigt und danach entschieden. Dabei standen vor allem der Regisseur Oskar Roehler und sein Werk im Vordergrund." Die Jury selbst war für DIE ZEIT nicht zu erreichen.

Forscher Knoblich: Nervenzellen sprechen miteinander

Forscher Knoblich: Nervenzellen sprechen miteinander

Weltweit arbeiten Forscher daran, aus menschlichen Stammzellen winzige Gehirne im Labor zu züchten, so genannte Minibrains. Es sei wenig sinnvoll, über Intelligenz aus der Petrischale zu spekulieren, sagt der Wiener Stammzellforscher Jürgen Knoblich der Wochenzeitung DIE ZEIT: "Die Nervenzellen sprechen durchaus miteinander. Aber über Bewusstsein oder Denken auch nur zu spekulieren ist absurd. Emotional ist das verständlich, rational nicht gerechtfertigt."

Knoblich, einer der führenden Forscher auf diesem Feld, verspricht sich von den Minibrains vor allem Fortschritte bei der Aufklärung psychischer Leiden. Denn jedes Minihirn ist ein individuelles Modell seines Zellspenders: "Ich kann damit die Hirnentwicklung einzelner Patienten untersuchen." Die Erforschung sogenannter Organoide, Organe aus der Petrischale, erlebt derzeit einen Boom. Forscher versuchen, aus Stammzellen Därme, Augen oder Lebern zu züchten, die später einmal transplantiert werden sollen.

Wirtschaftshistoriker Kuczynski hofft auf linke Revolution

Wirtschaftshistoriker Kuczynski hofft auf linke Revolution

"Ich glaube nicht, dass es ohne Revolution abgehen wird", sagt der Marx-Experte Thomas Kuczynski mit Blick auf soziale Ungleichheit und Protestwähler. Im Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT übt er harte Kritik am Kapitalismus und bezweifelt, "dass Reformen Grundsätzliches ändern können". Weiter erklärt er: "Dass Zeiten der Revolution nicht gemütlich sind, hat schon Marx geschrieben. Ich gehe jetzt natürlich nicht auf die Straße, um die Revolution zu propagieren. Aber ich fürchte die Revolution nicht."

Der linke Ökonom, geboren 1944 in London, war in der DDR der letzte Direktor des Instituts für Wirtschaftsgeschichte. Den heutigen Rechtspopulismus nennt er konterrevolutionär. "Diejenigen, die Trump und Le Pen wählen, AfD und Forza Italia, sind so ziemlich das Gegenteil dessen, was Marx sich erhoffte."

2,7 Millionen erwachsene Muslime in Deutschland

2,7 Millionen erwachsene Muslime in Deutschland

In Deutschland leben weniger Muslime als bisher vermutet. Nur 2,7 Millionen Erwachsene sind nach eigenen Angaben Muslime. Dies entspricht 4,3 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, berichtet die Wochenzeitung DIE ZEIT in ihrer aktuellen Ausgabe. Die Zahlen hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) auf Anfrage der ZEIT ermittelt. Gemäß der DIW-Erhebung ist der Anteil der Muslime insbesondere im Osten äußerst gering. 150.000 Erwachsene in Ostdeutschland, oder 1,2 Prozent der Bevölkerung, geben als Religionszugehörigkeit den Islam an. Ohne Berlin sind es 80.000 oder 0,8 Prozent der ostdeutschen Erwachsenen. Im Westen sind der Erhebung zufolge 2,5 Millionen oder 5,1 Prozent der Volljährigen muslimischen Glaubens. Alle Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2016.

Bisher gab es zu der Zahl der Muslime nur eine Hochrechnung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Dem Amt zufolge lebten Ende 2015 zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime in Deutschland, fünf bis sechs Prozent der Gesamtbevölkerung.

Sven Regener zum Echo-Skandal: „Ohne Bertelsmann würden Kollegah und Farid Bang bei Weitem nicht so viele Platten verkaufen“

Sven Regener zum Echo-Skandal: "Ohne Bertelsmann würden Kollegah und Farid Bang bei Weitem nicht so viele Platten verkaufen"

Im Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT kritisiert der Schriftsteller und Rock-Musiker Sven Regener die Rapper Farid Bang und Kollegah sowie den Bertelsmann-Konzern. Dass den beiden Musikern ein Echo für ihr Album "JBG3" verliehen wurde, findet Regener indiskutabel. Ihm nach müsse doch klar sein, "dass man so einen Preis nicht an Leute vergibt, die frauenfeindliche, schwulenfeindliche, antisemitische Sachen rappen".

Regener hält es auch für einen Fehler, allein die Echo-Organisatoren verantwortlich zu machen. "Worüber man aber mal reden könnte: Wer profitiert eigentlich von dieser Musik?", fragt er. "Zum Beispiel die Bertelsmann Music Group". Die habe, als sie im Dezember das Album "JBG3" mitveröffentlichte, eine "stolze" Pressemitteilung herausgegeben: "Mit Kollegah und Farid Bang sind wir jetzt die Nummer eins in Deutschland." Eine Mitschuld sieht er deswegen bei den Bertelsmann-Managern und bei YouTube. "Ohne Bertelsmann würden Kollegah und Farid Bang bei Weitem nicht so viele Platten verkaufen. Ohne YouTube hätte diese Art von sexistischer, homophober, antisemitischer Musik generell nicht die Reichweite, die sie heute hat." Für zukünftige Echo-Verleihungen, so Regener, müsse die Regel gelten: "Wer zum Hass gegen Frauen, Schwule, Juden oder sonst eine Bevölkerungsgruppe aufruft, der hat da nichts verloren."

Flüchtlingspolitik: EU unterstützt dubiose Staatschefs in Afrika

Flüchtlingspolitik: EU unterstützt dubiose Staatschefs in Afrika

Die Europäische Union (EU) unterstützt immer öfter zweifelhafte Staatschefs in Afrika, um Migranten und Flüchtlinge aufzuhalten. Das geht aus einer aktuellen Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik hervor, die der Wochenzeitung DIE ZEIT vorliegt. "Die Hemmschwelle für eine Zusammenarbeit mit autoritären Regimen ist spürbar gesunken", schreiben die Forscher. Noch vor wenigen Jahren sei die Hilfe aus EU-Staaten an eine klare Bedingung geknüpft gewesen: Wer Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stärkt, bekommt Geld. Heute hätten sich die Prioritäten verschoben – zugunsten jener Staaten, die den Europäern die Flüchtlinge und Migranten vom Leib halten.

Generell dränge die EU zu sehr auf sinkende Flüchtlingszahlen, statt die Ursachen für Migration zu bekämpfen, kritisieren die Forscher. Sie fürchten, "dass das Füllhorn an europäischen Programmen und Projekten innere gesellschaftliche und wirtschaftliche Ungleichgewichte verschärft oder Konflikte auslöst". Das Geld der EU könne sogar dazu führen, dass noch mehr Afrikaner versuchten, die Heimat zu verlassen.